Mai 13, 2018

Ausstellung – To Be Continued…

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Herzliche Einladung zur Ausstellung „To Be Continued…“ in der Schleuse – Opelvillen, Rüsselsheim.

Vernissage:
3. Juni 2018 – 16Uhr

Opelvillen
Ludwig-Dörfler-Allee 9
65428 Rüsselsheim am Main

Ausstellungsdauer: 3.06. – 24.06.2018

» Gesprächspassagen wabern im Raum. Sind es Szenen aus dem realen Leben, die die Fotografien der Serie Titles uns zeigen? Wer spricht dort? Sind womöglich wir als Betrachtende die Gesprächspartner?
In Laura Brichtas in der Schleuse gezeigten Fotografien kommt dem geschriebenen Wort eine zentrale Rolle zu. Aus diesem Grund erinnern sie in ihrer Ästhetik stark an Standbilder aus dem Film – dem Auszug einer Szene und die visuelle Abstraktion eines größeren Ganzen. Indem die Künstlerin mit den sonst im Film verwendeten Untertiteln das Zusammenspiel von Statik und Bewegung aufgreift, überschreitet sie Genregrenzen. Bild und Wort generieren gemeinsam Sinn. Die Sprache kreiert dabei eine sonderbare Intimität – dürfen wir hier überhaupt zuhören? Als Betrachtender neigt man aber sogleich dazu, den Zusammenhang zwischen den von Brichta fotografierten Szenen zu suchen und eine größere Erzählung darum zu spinnen − und schon befindet man sich auf dem Weg. Es ist der Weg, auf den die Künstlerin uns bringt und auf welchem wir ihre Bilder mit unserer Wahrnehmung verweben. Das verdeutlicht, dass die Ära des monadischen Kunstwerkes lange beendet ist. Künstlerische Produktionen bilden nicht mehr eine in sich abgeschlossene, vollendete Einheit. Stattdessen ziehen die Werke uns Betrachtende hinein, wir werden zu ihrem Bestandteil. Viel interessanter als die Frage wie ein Kunstwerk zu definieren sei, ist nunmehr welche Wirkung es entfaltet und genau darauf zielt Brichta ab.
„But what if that’s exactly what we’re supposed to be?“ heißt es auf einer der Arbeiten. Mit wem spricht die dargestellte Person? Ist es überhaupt sie, die spricht? Und falls ja, von wem erwartet sie eine Reaktion? Wir suchen nach Antworten im Bild, aber der Blick wird auf uns zurückgeworfen. Der szenische Charakter der Fotografien verstärkt den Wunsch danach, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Wir wissen aber nicht, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Standbildern vergangen ist, was alles gesagt, gefragt, geklärt wurde. Es hängt folglich von der Disposition der Betrachtenden ab, die Versatzstücke aufzugreifen. Diese der fotografischen Atmosphäre entsprungenen Textfragmente gibt die Künstlerin uns an die Hand, damit wir sie zusammenführen können. Das erinnert an das zerstreute Betrachten im Benjamin’schen Sinne: wir sind nicht verpflichtet, die Szenen als ein Gefüge wahrzunehmen. Naturgemäß wird jedes Individuum von etwas anderem angesprochen. Wichtig ist, dass nicht einzig die Intention der Künstlerin entscheidend ist. Vielmehr dreht es sich um den Komplex, der durch das Zusammenspiel von Betrachtenden, Künstlerin und Werk entsteht. Auslöser der (emotionalen) Wahrnehmung bleibt dabei aber die Künstlerin, wie auch das Selbstportrait illustriert, das die Ausstellung To be continued… ergänzt. Es ist eine Arbeit, die mit ihrer fragmentarischen Darstellungsweise eine Brücke
zwischen den unterschiedlichen Arbeitsweisen baut und aufzeigt. Unabhängig davon wie unterschiedlich das Vorgehen ist, hineingesogen werden wir so oder so. Damit ist, wie es in Walter Benjamins Kunstwerk Aufsatz heißt, „die Unterscheidung zwischen Autor und Publikum im Begriff, ihren grundsätzlichen Charakter zu verlieren.“ Der Lesende, der jederzeit bereit ist, ein Schreibender zu werden, wird zu einem Betrachtenden, der jederzeit bereit ist, ein Erzählender zu werden.
Das Unwägbare ist gelegentlich ein willkommener Gast. «
– Hannah Katalin Grimmer

 

Ein Artikel aus dem Rüsselsheimer Echo zur Ausstellung:
Das Geheimnis zwischen Bild und Titel